Franziska Schneeberger

Franziska Schneeberger (*1990) lebt in Bochum. Sie arbeitet zwischen Performance, visueller Kunst und dem Sprechen und Schreiben in künstlerischen, halbwegs theoretischen und vermittelnden Arbeitsprozessen. Ihr Interesse liegt im Sezieren, Unsichtbarmachen und Eskalieren tradierter Wissenspraktiken, den Unschärfen, Abwegen und Erschöpfungen von Sprache und Bewegung auf institutionalisierten Plätzen im physischen, öffentlichen Raum. Franziska ist Teil der nfköpfigen Künstler:innenidentität OLIVER (Link for videos: https://bit.ly/38XNzjy) und Mitglied der Bewegungsrecherchegruppe MFK Bochum (Homepage coming soon), die sich 2018 im Studiengang gefunden hat. 2020 absolviert sie ihren Master in Szenischer Forschung an der Ruhr-Universität Bochum mit der Ausstellungsperformance „Ich war hier“ von MFK im Kunsthaus Essen. Von 2011 bis 2016 studierte sie Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Uni Hildesheim sowie ein Jahr Dramaturgie an der Zürcher Hochschule der Künste. 

Arbeiten und Projekte

„ways in which from society to society men know how to use their bodies“

2016, Lecture/Performance/Installation
Holz, Stahl, Filz, Modellbauplatten
Diana Barbosa Gil und Franziska Schneeberger

Eine am Boden liegende Holzkonstruktion markiert zentral im Raum ein Rechteck. 2 Personen nehmen darin verschiedene Posen und Perspektiven ein, tragen Texte vor und beschreiben Bilder. So wie sie ihre Informationen und Daten aus rechteckigen Regalen und linearen Strukturen entnommen haben, ordnen sich die beiden Körper nun selbst physisch und sprachlich in das dreidimensionale Raster ein. Die Holzkonstruktion dient hierbei als strenges, modulares Spielfeld.

Basis für die nacherzählend erforschende Prozedur der Performerinnen, bildet die Beschäftigung mit dokumentarisch bildlichen Darstellungsweisen allgemein bekannter, kollektiv gespeicherter (Mit-)Leidenserfahrungen und vererbter Erinnerungen. Die Auswahl an subjektiv erinnerten und privat gespeicherten Bildern, von öffentlich wirksamen Ereignissen der letzten Jahrhunderte, führt uns von den christlichen Heiligenbildern über Goyas „Los Desastres de la Guerra“ bis zur Fotografie Situation Room“ von 2011.

ways in which from society to society men know how to use their bodies“ unternimmt den Versuch Bilder medial vermittelter Schreckenssituationen mit dem eigenen Körper, der eigenen Erzählung zu versetzen, um sie aus dem Reich der erinnerten und zugleich vergessenen Bilder heraufzubeschwören und ihrer Tradiertheit auf die Schliche zu kommen.

„Olivers Antigone“

2019, Ein Bühnenstück mit Musik von TAURUS

Ausgehend von Sophokles Tragödie und dessen Dramenstruktur von abwechselnden Episoden und Standesliedern, entfaltet OLIVER in Zusammenarbeit mit TAURUS ein musikalisches Bühnenstück in einer filmsetähnlichen Kulissenlandschaft.

Stark fragmentiert treten Emanzipationskonflikte von Vater und Sohn, Himmelsgestalten und zwei Schwestern aus dem alten Antigone-Stoff hervor. Sie positionieren sich zueinander vor der abstrakten Weite des Greenscreens, der hier eine offene Stelle markiert.

Der Grundkonflikt dieser Anordnung spannt sich auf zwischen der rahmenden Perspektive einer Live-Kamera für das Publikum vor Ort und dem dokumentierenden Kamerabild für die Postproduktion. Wie gelangen die einzelnen Figuren zu ihrer Souveränität, wenn diese als Repräsentant*innen für gesellschaftspolitische Diskurse eingesetzt werden um Meinungen zu suggerieren?

Nach dem Erkunden von filmischen Gefilden durchmischen sich in OLIVERs Bühnendebüt dillentatische und humorvolle Herangehensweisen ans Theater. Stefan Cantante, Anna-Sofie Lugmeier, Diana Barbosa Gil, Federico Protto und Franziska Schneeberger bilden als OLIVER eine künstlerische Multi-Identität, die sich zwischen bildender und darstellender Kunstpraxis bewegt. OLIVERs Antigone ist eine Kollaboration mit TAURUS. Die drei Akteur*innen Paul Ebhart, Diana Barbosa Gil und Leonard Prochazka entwickeln ihre performativen Konzerte aus improvisatorischen Methoden von Sound- und Textkompositionen. In OLIVERs Antigone verweben sich Tracks von TAURUS mit einer gemeinsam erprobten musikalischen Bühnensprache.

MFK Bochum

seit 2018

Katarína Marková, Marlene Ruther, Franziska Schneeberger

MFK Bochum ist die Gruppe von Katarína Marková, Marlene Ruther und Franziska Schneeberger. Wir erproben seit Ende 2018 eine Hypridform von Training/Showing für unsere drei Körper, die bisher an mehreren öffentlichen Bolzplätzen und einmal in der Ausstellung feministischer Archivmaterialien „Emanzen Express“ im Bochumer Off-Space atelier automatique stattfand. Unsere Aufführungspraxis ist gleichzeitig unser Training. Das besteht zunächst darin, unsere oft als zierlich, weiblich gelesenen Körper muskulär zu kräftigen, eine durch Kontinuität hergestellte Arbeit am Erscheinungsbild, die sich auch stärkend auf die innere Haltung auswirkt. In improvisierten Sessions erproben und vertiefen wir unsere disparate Sammlung an semi-professionell angelernten Tanz/Bewegungstechniken. Durch unsere im Training, das sogleich öffentlich stattfindet, performte Bewegungssprache bringen wir immer wieder diese intensiven Momente von raumfüllender Weird- und Awkwardness zustande, die die Zuschauenden wie auch uns selbst in eine vibrierende Sphäre von Uneindeutigkeiten befördern. 

MFK versucht verschiedene räumliche Dispositive, auch jenseits kunst-institutioneller Räumlichkeiten, als Orte für ihr Training zu probieren. Je nach Framing wird ein Publikum explizit eingeladen oder aber durch zufällige Anwesenheit im Park oder Club generiert. Situationen von Aufführung und Training vermischen sich und bringen die Bedeutungen von diesen drei Körpern und auch dem eigenen als Beobachter*in ins Ungewisse. Bestenfalls wird im Training auf beiden Seiten eine ir-rationale oszillierende Gemengenlage von Peinlichkeit, Lust, Fiebertraum, Lecture und potentiell offenem Mitmachangebot hergestellt.

„landscaping gestures“

Teil des Abschlussprojekts „Ich war hier“ mit MFK Bochum

2017 – ongoing

In einem Buch des argentinischen Autors Jorge Luis Borges finde ich den Verweis auf eine doku-fiktionale Erzählung aus dem Jahr 1658, in dem von einem Reich berichtet wird, deren Bewohner*innen in ganz besonderem Maße die Kunst der Kartografie betrieben. So fertigten sie die Karte einer Provinz, die in ausgefaltetem Zustand den Raum einer ganzen Stadt überdeckte; und wenig später konstruierten sie eine Karte ihres Reiches, deren Fläche genauso groß war wie das Reich selbst, die sich also an jedem Punkt mit ihm deckte. Ausgehend von diesem Phantasma ist „landscaping gestures“ der Versuch eines choreografisch-dokumentarische Verfahrens von Abrieben und eine Behauptung alternativer Kartografie.

Bewegte Körper sind gleichermaßen Text und Speichermedium in der Landschaft. Die bildgebende An- bzw. Abeignung eines Ortes (Abriebe und Frottagentechnik) bleiben als Zwischenspeicherung der Bewegung übrig, sie bilden zuerst eine dreidimensionale Kartografie, die sich dann im textilen Atlas meiner Kleidung verfängt. Von den Gegenden auf meine Haut, meinen Anzug übertragene Partikel, Risse, innen und außen, sind Spuren von Bewegung und Berührung, sind Notation von Bewegung. Das Wort »informieren« kommt von einformen.

Verschwistern sich in diesem Verfahren Bewegung und Textil zu einer Art poetischem Dokument?

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